Offener Brief: Britain Palestine Project 2026

Der offene Brief vom "Britain Palestine Project", den deutsche Medien verschwiegen haben: 102 ehemalige Botschafter:innen fordern Recht statt Worte für Palästina

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Veröffentlicht: 28.08.2026
Lesezeit: 12 Minuten

Themen: Völkerrecht, Offener Brief, Palästina, Israel, Deutschland, Britain Palestine Project, Deutsche JuristInnen für das Völkerrecht, Internationaler Gerichtshof (IGH), Internationaler Strafgerichtshof (IStGH), Sanktionen, Waffenlieferungen, E1-Gebiet, Westjordanland, Gaza Strip, Siedlungspolitik, EU-Israel-Assoziierungsabkommen, Gaza Tribunal, Geneva Forum, Drittstaatenpflichten, Medienberichterstattung.

Am 22. August 2026 hat Le Monde eine der bemerkenswertesten diplomatischen Interventionen der letzten Jahre veröffentlicht: einen offenen Brief von 102 ehemaligen britischen und französischen Botschafterinnen und Botschaftern, die von ihren Regierungen die Durchsetzung des Völkerrechts in Palästina fordern, mit Sanktionen, Embargos und strafrechtlicher Verantwortlichkeit statt mit leeren Kommuniqués.

Sofort berichteten Le Monde, France 24, Al Jazeera, der Guardian, The National, Middle East Monitor, selbst israelische Medien. In den führenden deutschen Print- und Rundfunkmedien: soweit für uns feststellbar, kein einziger Bericht.

Dieses Schweigen in Deutschland ist nicht neu. Auch über den offenen Brief vom Juli 2025 von DJfdV an die deutsche Bundesregierung wurde trotz Zusendung an Pressehäuser nicht berichtet. Dieses fortgesetzte Schweigen ist der Anlass diesen Beitrag.

Denn die deutsche Bundesregierung ist in der Sache kein unbeteiligter Dritter. Es ist Europas folgenreichster Nichterfüller genau jener Rechtspflichten, die der offene Brief der Botschafter:innen vom 22.08.2026 einfordert. Nach Rücksprache mit dem Britain Palestine Project, dem Initiator des Briefes, legt unsere Initiative von DJfdV im Folgenden dar, was der Brief sagt, woher er kommt und was er für Deutschland unter Berücksichtigung der zivilgesellschaftlichen Porteste gegen den Genozid bedeutet.

Zur Webseite: https://britainpalestineproject.org


“We all need the impartial rile of law”

 

Sir Vincent Fean, ehemaliger britischer Generalkonsul in Jerusalem, initiierte den Brief für das Britain Palestine Project. Auf französischer Seite versammelten Frédéric Desagneaux und Patrice Paoli, beide ehemals hochrangige Diplomaten des Quai d'Orsay, ihre 50 Kolleginnen und Kollegen. 

Gefragt, was ihn dazu bewogen hat, antwortete er DJfdV persönlich:

„Britain in particular has a moral responsibility to do better by the Palestinians: Balfour made a promise to them which he had no intention of keeping, and Britain’s conduct of the League of Nations Mandate contributed to the misery they experience today. The British Government needs to hold wrongdoers to account internationally, just as it does domestically. We all need the impartial rule of law."

- Sir Vincent Fean, 25.08.2026

Der offene Brief vom 22. August 2026

 

Adressiert an Premierminister Andy Burnham und Präsident Emmanuel Macron, in Kopie an Außenminister Ed Miliband, verzichtet der Brief auf diplomatische Beschönigungen.

Der Brief bestätigt Hauszerstörungen und massive Siedlergewalt in Ost-Jerusalem und im Westjordanland, unter Duldung von israelischer Armee und Polizei, als „ethnische Säuberung" („ethnic cleansing"). Er hält fest: „Palästina wird vor unseren Augen ausgelöscht" („Palestine is being erased before our eyes"). 

Zwei Millionen Menschen in Gaza sind auf den Bruchteil eines verwüsteten Gebiets zusammengedrängt und in täglicher Not. Seit dem sogenannten "Waffenstillstand" vom Oktober 2025 wurden viele Palästinenser:innen durch Israel getötet, das Gesundheitsministerium in Gaza zählt mindestens 1.285 Menschen, zusätzlich zu über 72.000 Getöteten seit Oktober 2023, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Die Prämisse des offenen Briefes ist ein einziger Satz: „Frieden entspringt der Gleichheit" („Peace stems from equality"). Der Unterzeichner Nicholas Hopton, ehemaliger britischer Botschafter in Iran, Katar und Jemen, machte gegenüber Al Jazeera einen Punkt, der gerade für Deutschland zählt: „The words are not our own, (...) they are taken from the international legal bodies, the UN, those who have been observing from a neutral position and with expertise".

Der Vorläufer am 6. Mai 2026: "Statement by European former Ministers, Ambassadors & Senior Officials calling on EU Leaders to act now to deter and prevent Israeli annexation of the E1 area of the West Bank"

 

Der Augustbrief kam dabei nicht aus dem Nichts. Am 06.05.2026 forderten frühere europäische Minister:innen, Botschafter:innen und hohe EU-Beamt:innen - zwischenzeitlich über 476 Personen -, darunter der ehemalige EU-Außenbeauftragte Josep Borrell und der ehemalige belgische Premierminister Guy Verhofstadt, die EU-Spitzen öffentlich auf, Israels Annexion des E1-Gebiets östlich von Jerusalem endlich abzuwenden. 

Ihr Statement verlangte gezielte Sanktionen, namentlich Visasperren und Geschäftsverbote in der EU, gegen alle am illegalen Siedlungsbau Beteiligten, zu beschließen im Rat für Auswärtige Angelegenheiten am 11. Mai, vor einer ersten E1-Bauausschreibung über 3.401 Wohneinheiten für bis zu 15.000 Siedler. Im Steering Team der Gruppe: Sven Kühn von Burgsdorff, deutscher ehemaliger EU-Vertreter für die palästinensischen Gebiete.

Was darauf folgte: Im August 2026 veröffentlichte Israel die E1-Bauausschreibungen. E1 würde das Westjordanland illegal in zwei Teile schneiden, Ost-Jerusalem von seinem Hinterland trennen und einen zusammenhängenden palästinensischen Staat unmöglich machen, weshalb 19 westliche Regierungschefs, Premierminister Andy Burnham eingeschlossen, gemeinsam mit der Europäischen Kommission die Ausschreibungsentscheidung wohlwollend - ja fast schon tadelnd - als „inakzeptabel" bezeichneten. 

Daraufhin brachten die 102 ehemaligen Botschafter:innen zu Papier, was solche Worte rechtlich verlangen. Der offene Brief vom 22.08.2026 schlägt in 7 politische Empfehlungen für ein gemeinsames britisch-französisches Handeln vor:

 

  • (1) Die Entscheidungen des IGH und des IStGH umzusetzen.
     
  • (2) Das EU-Israel-Assoziierungsabkommen und das britisch-israelische Handels- und Partnerschaftsabkommen wegen der Verletzung ihrer Menschenrechtsklauseln zu suspendieren.
     
  • (3) Waffentransfers in beide Richtungen auszusetzen, ebenso jede bilaterale Militärkooperation.
     
  • (4) Einen ungehinderten humanitären Zugang nach Gaza durchzusetzen, geführt von UNRWA, anderen UN-Organisationen und internationalen NGOs, mit Konsequenzen bei Nichteinhaltung, und Zugang auch für Journalist:innen, Diplomat:innen und Parlamentarier:innen.
     
  • (5) Jeglichen Siedlungshandel zu verbieten, einschließlich Waren, Investitionen, Versicherungen und andere Finanzdienstleistungen.
     
  • (6) Potenzielle Bieter für das E1-Projekt („rote Linie") oder andere Siedlungsfinanzierungen oder -bauten zu warnen: Ihre Interessen in und mit Großbritannien und Frankreich werden Schaden nehmen.
     
  • (7) Den Erwerb von Eigentum auf gestohlenem palästinensischem Land unter Strafe zu stellen, für britische und französische Staatsangehörige, sowie „Wohltätigkeitsorganisationen", die Siedlungen finanzieren, den Gemeinnützigkeitsstatus zu entziehen.

 

Jede Maßnahme setzt klare Pflichten um, die der IGH in seinem Gutachten vom 19. Juli 2024 für alle Staaten festgestellt hat: 

Israels Präsenz im besetzten palästinensischen Gebiet ist rechtswidrig und so schnell wie möglich zu beenden, die Siedlungstätigkeit ist einzustellen, Siedler sind zu evakuieren, Drittstaaten dürfen die rechtswidrige Lage weder anerkennen noch Beihilfe zu ihrer Aufrechterhaltung leisten. Der IGH stellte zudem einen Verstoß gegen Art. 3 des Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung fest, eine Vorschrift zu Rassentrennung und Apartheid. Das sind erga omnes-Pflichten. Sie binden jeden Staat, ohne von einem Votum des UN-Sicherheitsrats abhängig zu sein.

Wer den offenen Brief vom 22.08.2026 unterzeichnet hat

 

50 britische und 52 französische ehemalige Botschafter:innen, darunter zwei frühere Ständige Vertreter des Vereinigten Königreichs bei den Vereinten Nationen in New York, Sir Jeremy Greenstock und Sir Emyr Jones Parry, frühere Nahost- und Nordafrika-Direktoren des französischen Außenministeriums, darunter Yves Aubin de la Messuzière, Denis Bauchard und Patrice Paoli, sowie fünf ehemalige Generalkonsuln in Jerusalem, Initiator Fean eingeschlossen. Hinzu kommen frühere Botschafter:innen in Ägypten, Iran, Syrien, Libanon, Jordanien, Saudi-Arabien und darüber hinaus. Selbst drei ehemalige EU-Botschafter (Joy, Bergamini, Jouret) zeichnen mit. Der Unterzeichner Peter Millett, ehemaliger Botschafter in Jordanien, brachte es gegenüber Al Jazeera auf die Formel: „What we're asking is action, not words".

 

Und Deutschland?

 

Der offene Brief addressiert London und Paris. Seine Rechtslogik trifft aber auch Berlin. Gemessen an den Drittstaatenpflichten des IGH-Gutachten vom 19. Juli 2024 ist Deutschland auf jeder Achse der europäische Ausreißer mit Ansage: 

  • Über 150 von 193 UN-Mitgliedstaaten erkennen den Staat Palästina bereits an, darunter Großbritannien, Frankreich und Belgien. Deutschland nicht. Friedrich Merz behandelt eine solche Anerkennung als Endpunkt eines Prozesses, während die israelische Besatzung E1 in diesen Stunden zementiert.
     
  • Deutschland ist Israels zweitgrößter Waffenlieferant (rund 30 Prozent der israelischen Rüstungsimporte 2019 - 2023), laut SIPRI. Allein zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 13. Mai 2025 genehmigte die Bundesregierung Einzelausfuhren von Rüstungsgütern im Gesamtwert von 485.103.796 Euro. Wer behauptet, es seien im Wesentlichen unkritische Güter, irrt. Aufschlüsselung nach Monaten, Gütern, Herstellern und Werten? Verweigert unter Berufung auf das "Staatswohl", BVerfGE 137, 185). Mit anderen Worten schirmt die Bundesregierung die Beschaffungsinteressen eines fremden Staates gegen das eigene Parlament ab. 

    Die im August 2025 verkündete Teilaussetzung wurde im Dezember 2025 wieder aufgehoben, exakt das Verhalten, das IGH-Gutachten vom 19. Juli 2024 als verbotene Beihilfe erfasst und das Gegenstand des beim IGH anhängigen Verfahrens Nicaragua ./. Deutschland ist. Der IGH verhandelt vom 7. bis 10. September 2026 öffentlich über die von Deutschland erhobenen prozessualen Einreden. Deutschland hatte am 21. Oktober 2025 die Zuständigkeit des Gerichts und die Zulässigkeit von Teilen der Klage bestritten, womit die Hauptsache bis zur Entscheidung darüber ruht.
     
  • Die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der UNO kam im September 2025 zu dem Schluss, dass Israel in Gaza einen Völkermord begeht, im Einklang mit den Befunden der International Association of Genocide Scholars, von Amnesty International, B'Tselem und Physicians for Human Rights–Israel. Das Hauptsacheurteil des IGH in Südafrika ./. Israel steht zwar aus, seine bindenden vorläufigen Maßnahmen gelten aber seit Januar 2024. Nach Art. I der Völkermordkonvention greift die Präventionspflicht, so der IGH in Bosnien ./. Serbien (2007), in dem Moment, in dem ein Staat vom ernsthaften Risiko erfährt, nicht erst mit dem Endurteil. Deutschland hat in Gambia ./. Myanmar selbst die Bedeutung genau solcher UN-Untersuchungskommissionen betont. Deutschland kann nicht glaubwürdig ablehnen, was es dort vorgetragen hat, "Doppelmoral".
     
  • Als Vertragsstaat des Römischen Statuts ist Deutschland nach Art. 86 und 89 zudem verpflichtet, die Haftbefehle vom 21. November 2024 gegen Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant zu vollstrecken. Die Bundesregierung ist dieser Frage wiederholt ausgewichen, der Kanzler hat sogar signalisiert, man werde Wege finden, damit Netanjahu ohne Festnahme einreisen könne. Der Menschenrechtskommissar des Europarats (Juni 2025) und UN-Expert:innen (Oktober 2025) haben Deutschland für die Kriminalisierung pro-palästinensischen Protests und unverhältnismäßige Polizeigewalt gerügt. Ein Staat, der die innere vom Völkerrecht getragene Debatte mit allen Mitteln unterdrückt, kann keine rechtsbasierte Außenpolitik führen und hat seine Glaubwürdigkeit und Integrität vor der nationalen wie auch internationalen Gemeinschaft unwiederbringlich verloren.

 

Was jetzt geschehen muss

 

DJfdV führt den deutschen Fall für die Einhaltung des Völkerrechts seit Juli 2025: Über 125 deutsche Jurist:innen - die Liste ist um führende völkerrechtliche Lehrstühle des Landes gewachsen - fordern in einem offenen Brief an die Bundesregierung die Aussetzung der Waffentransfers in beide Richtungen, die Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens, Sanktionen gegen die Minister Ben-Gvir und Smotrich, die vollständige Umsetzung der EU-Regeln zu Siedlungswaren und ein Ende der Repression gegen berechtigte Proteste. 

Aufgrund des Schweigens der Bundesregierung berief DJfdV das Gaza Tribunal Berlin am 25. Oktober 2025 ein. 

In 7 öffentlichen Hearings hörte das Tribunal Zeugenschaft, Wissenschaft und Praxis. Den Auftakt machte per Videovortrag Dr. med. Qassem Massri, Oberarzt für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin-Buch, aufgewachsen in Beit Hanoun, zur Zerstörung des Gesundheitssystems in Gaza nach seinem dortigen Einsatz 2024. Rechtsanwalt Alexander Gorski, LL.M., Partneranwalt des European Legal Support Center (ELSC), vermaß die Grenzen von Strafrecht, Ausweisungsrecht und Versammlungsfreiheit im Innern; Dr. Eitan Diamond, Senior Legal Expert des IHL Centre, Jerusalem, entfaltete die Drittstaatenpflichten aus dem IGH-Gutachten vom 19. Juli 2024. 

Das Panel zu Medien, Sprache und Öffentlichkeit bestritten die Ökonomin Prof. Dr. Christine Binzel (FAU Erlangen-Nürnberg), die Stadtsoziologin Dr. Kawthar El-Qasem, die Literaturwissenschaftlerin Dr. Aurélia Kalisky, der Journalist Fabian Goldmann und die Medienrechtlerin Ingrid Yeboah, LL.M. 

Per Videobeitrag sprachen dann zwei der profiliertesten Stimmen des Fachs: Prof. Dr. William Schabas, einer der weltweit führenden Genozidforscher, im Legal Team von Nicaragua gegen Deutschland und früherer Leiter der UN-Untersuchung zum Gaza-Konflikt 2014, zur Staatenverantwortlichkeit unter der Völkermordkonvention, sowie Prof. Dr. Dr. h.c. Kai Ambos (Universität Göttingen, Richter an den Kosovo Specialist Chambers, Den Haag) zu den völker- und völkerstrafrechtlichen Konsequenzen für Deutschland. 

Die Wege nach vorn diskutierten Prof. Dr. Isabel Feichtner (Universität Würzburg), die Rechts- und Islamwissenschaftlerin Dr. Nahed Samour sowie die Strafverteidigerin Nadija Samour, LL.M., Partneranwältin des ELSC, die mit Kolleg:innen wegen der Genehmigung von Waffenlieferungen Strafantrag gegen die Mitglieder des Bundessicherheitsrats wegen Beihilfe zum Völkermord gestellt hat.

Das Ergebnis des Tribunals: Israels militärische Kampagne in Gaza erfüllt nach der sich verdichtenden Einschätzung internationaler Genozidexpert:innen, Menschenrechtsorganisationen und zuletzt der unabhängigen UN-Untersuchungskommission die Tatbestandsmerkmale des Völkermords nach Art. II der Genozidkonvention, sichtbar u.a. an der gezielten, nahezu vollständigen Zerstörung des Gesundheitssystems. Deutschland droht im Verfahren Nicaragua ./. Deutschland - soweit das Verfahren nicht manipuliert wird - eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Völkermord, denn spätestens seit den IGH-Anordnungen von 2024 kann sich die Bundesregierung nicht auf Unkenntnis berufen.

Die per Einschreiben an die deutsche Bundesregierung versandte Tribunal-Resolution vom 14. November 2025 legte Deutschlands Exponierung offen, von Art. 16 der ILC-Artikel zur Staatenverantwortlichkeit bis zum Arms Trade Treaty, und stützte den Strafantrag, den das European Legal Support Center (ELSC) am 19. September 2025 beim Generalbundesanwalt gegen 11 deutsche Amtsträger:innen gestellt hat.

Am 24. April 2026 hat DJfdV gemeinsam mit Global Human Rights Defence (GHRD) das “Geneva Forum: Safeguarding Multilateral Justice” im Palais des Nations (UN) einberufen. Am Internationalen Tag des Multilateralismus saßen diesmal Wissenschaft, Praxis und Diplomatie in einem Raum. Für die Staatenseite sprachen S.E. Dr. Harold A. Young, Ständiger Vertreter von Belize bei den Vereinten Nationen in Genf, und Rana Arrabi, Counsellor der Ständigen Beobachtermission des Staates Palästina, begleitet von anderen Delegierten im Roundtable. 

Aus der Wissenschaft trugen Prof. Dr. Matthias Goldmann, LL.M. (EBS Universität; Max-Planck-Institut Heidelberg), Assist. Prof. Dr. Ka Lok Yip (Hamad Bin Khalifa University), Prof. em. Dr. Marco Sassòli (Universität Genf) und erneut Prof. Dr. Dr. h.c. Kai Ambos ihre Einschätzungen zu den Fragen des Forums vor. Dr. Gleb Bogush (Universität zu Köln) führte durch die erste Diskussionsrunde. Die Praxis vertraten erneut Dr. Eitan Diamond und Dr. med. Qassem Massri.

Das Ergebnis des Forums: Die aktuelle "Krise des Völkerrechts" ist gar keine Krise des materiellen Rechts, sondern eine Vollzugskrise, die durch wenige Staaten verursacht oder aufrechterhalten wird. Der Rechtsbestand ist zwar intakt, es fehlen aber die einheitliche Anwendung und der politische Wille zur regelbasierten Durchsetzung, wobei der zivilgesellschaftliche Wille durch staatliche und mediale Gewalt gebeugt oder sogar gebrochen werden soll. Die internationale Gerichtsbarkeit wird durch persönliche und infrastrukturelle Attacken auf Ruf, Finanzierung, Datensysteme und -zugang bedrängt, gerade weil sie mächtige Staaten verfolgen, "truth of power".

Im Fall Palästinas besteht entgegen der Positionierung der deutschen Bundesregierung keine unklare oder komplexe Rechtslage. Die Befunde des IGH, der UN-Untersuchungskommission, der Sonderberichterstattungen und OHCHR konvergieren zu Apartheid als Rahmen und Genozid als Kulminationspunkt eines Systems, das Gaza und Westjordanland gleichmassen erfasst, legislativ verstetigt durch das diskriminierende Todesstrafengesetz vom 30. März 2026 als willkürliche, diskriminierende und annexionistische "Legalisierung des Illegitimen". Daraus folgen zwingende Drittstaatenpflichten, namentlich der sofortige Stopp von Waffenlieferungen, gezielte Sanktionierungen von Kriegsverbrechern, die Nichtanerkennung illegaler Siedlungen, deren Erfüllung nicht im Ermessen der beschuldigten Staaten steht.

Die mehrfach festgestellten Doppelstandards - z.B. Ukraine gegenüber Gaza - sind das zentrale Glaubwürdigkeitsproblem des Westens. Zur regelbasierten Ordnung gibt es keine Alternative.

Wie wenig abstrakt das alles ist, brachte Rana Arrabi am Beispiel des am 30.03.2026 von der Knesset verabschiedeten Gesetzes zur Todesstrafe für “Terroristen” auf den Punkt:

"So for Palestinians, this is not an abstract legal debate. It is about whether law will continue to be used as a weapon against them or whether international law will finally be applied with seriousness, consistency, and consequence."

Und weiter:

"(...) in the absence of accountability unlawful conduct escalates. What is required now is not merely condemnation, but action. States must act consistently with their obligations under international law. They must not aid, assist, recognize, normalize or sustain unlawful situations as confirmed by the ICJ and its advisory opinions. They must ensure accountability and they must act with urgency to prevent this law [the death penalty law] from becoming yet another mechanism through which Palestinian lives are placed at the mercy of a discriminatory and coercive system. At the minimum, at this moment, pressure must be exerted to at least revoke this law. But we all know that this alone is not enough. What this moment reveals is the danger of always treating a new Israeli measure as an isolated incident, detached from the wider structure that produces it. So if the broader reality is still intact, the next measure will follow and the next measure will follow."

- Counsellor of the Permanent Observer Mission of the State of Palestine to the UN, Rana Arrabi, 24.04.2026

Das Fazit der 102 ehemaligen Botschafter:innen ist zu bestätigen: „Wo kein Recht gilt, ist niemand von uns sicher" („Where there is no law, none of us is safe"). Eine regelbasierte Ordnung, die den eigenen Partner ausnimmt, ist keine Ordnung, sondern der grell leuchtende Doppelstandard, den der Brief vom 22.08.2026 benennt.

Es ist wichtig, dass die deutsche Zivilgesellschaft den Brief zur Kenntnis nimmt, den deutsche Medien nicht gedruckt haben, ihn zu teilen und ihren Abgeordneten vorzulegen. Die Initiative Deutsche JuristInnen für das Völkerrecht (DJfdV) fordert von der deutschen Politik, was unsere Rechtsordnung verlangt: Waffentransfers auszusetzen, die Suspendierung des Assoziierungsabkommens zu unterstützen, deutsche E1-Profiteure zu sanktionieren, sich unmissverständlich zur Vollstreckung der IStGH-Haftbefehle zu bekennen, die Repression der Palästina-Solidarität im Innern zu beenden, und den Staat Palästina endlich anzuerkennen.

Unsere Kritik richtet sich gegen staatliches Handeln, israelisches wie deutsches, niemals gegen Jüdinnen und Juden als Gemeinschaft. Die Erinnerung an die Shoah wird durch die Forderung, dass Recht für alle gilt, weder relativiert noch instrumentalisiert.

Weitere DJfdV-Veranstaltungen zu genau diesen Fragen sind in Vorbereitung. Wir informieren.

Kontakt: info@deutsche-juristinnen-voelkerrecht.de

Prüfen Sie folgende Quellen:

Britain Palestine Project, „Upholding international law: the UK and France should act together on Palestine" (Brief und Unterzeichnerliste im Volltext), 22.08.2026,
https://britainpalestineproject.org/upholdinglaw/

Le Monde, „France and the UK should act together to uphold international law in Palestine: an open letter by former French and British ambassadors", 22.08.2026,
https://www.lemonde.fr/en/opinion/article/2026/08/22/france-and-the-uk-should-act-together-to-uphold-international-law-in-palestine-an-open-letter-by-former-french-and-british-ambassadors_6756756_23.html

France 24, „More than 100 former French and UK diplomats urge action against Israeli settlement policies", 22.08.2026,
https://www.france24.com/en/middle-east/20260822-former-french-uk-diplomats-urge-governments-to-act-against-israeli-settlement-policies

Al Jazeera, „Over 100 ex-diplomats urge France, UK to sanction Israel over Palestine", 22.08.2026,
https://www.aljazeera.com/news/2026/8/22/over-100-ex-diplomats-urge-france-uk-to-sanction-israel-over-palestine

The Guardian, „Former British and French diplomats urge action over Israel's ‚erasure' of Palestine", 22.08.2026,
https://www.theguardian.com/world/2026/aug/22/uk-france-diplomats-israel-palestine

The National, „UK and French leaders urged to put business squeeze on Israel for Palestine", 25.08.2026,
https://www.thenationalnews.com/news/uk/2026/08/25/uk-and-french-leaders-urged-to-put-business-squeeze-on-israel-for-palestine/

Middle East Monitor, „Former French, British ambassadors urge halt to arms exports, ban on trade with illegal Israeli settlements in West Bank", 22.08.2026,
https://www.middleeastmonitor.com/20260822-former-french-british-ambassadors-urge-halt-to-arms-exports-ban-on-trade-with-illegal-israeli-settlements-in-west-bank/

Israel National News, „100 diplomats in letter against Israel: ‚You are carrying out ethnic cleansing'", 23.08.2026,
https://www.israelnationalnews.com/news/432096

DJfdV, Offener Brief an die Bundesregierung, 14.07.2025,
https://www.deutsche-juristinnen-voelkerrecht.org/offener-brief-juli-2025/

Statement by European former Ministers, Ambassadors & Senior Officials calling on EU Leaders to act now to deter and prevent Israeli annexation of the E1 area of the West Bank, 06.05.2026,
https://drive.google.com/file/d/1sYaBV87mGk00joqOoF08CS0dfDiQ4454/view (ENG)
https://drive.google.com/file/d/1BUxjGVlbKOappMk5l_bKTuKe0EDN1uVV/view (ENG)
https://drive.google.com/file/d/12aaR11za3S4k7hsSUzB8_el682L8c-D6/view (DE)

RTÉ, „Call for EU to deter Israel from building in West Bank", 06.05.2026,
https://www.rte.ie/news/2026/0506/1571884-eu-west-bank/

IGH, Legal Consequences arising from the Policies and Practices of Israel in the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem, Advisory Opinion, 19.07.2024,
https://www.icj-cij.org/sites/default/files/case-related/186/186-20240719-adv-01-00-en.pdf

Al Jazeera, „What has Germany's position been on Israel's genocide in Gaza?" (SIPRI-Zahlen zu deutschen Waffenlieferungen), 07.12.2025,
https://www.aljazeera.com/news/2025/12/7/what-has-germanys-position-been-on-israels-genocide-in-gaza

Deutscher Bundestag, Drucksache 21/284 (Rüstungsexportgenehmigungen nach Israel, 07.10.2023-13.05.2025),
https://dserver.bundestag.de/btd/21/002/2100284.pdf

IGH, Alleged Breaches of Certain International Obligations in respect of the Occupied Palestinian Territory (Nicaragua v. Germany), Order, 30.04.2024,
https://www.icj-cij.org/node/203454

IGH, Nicaragua v. Germany - Anhörungen zu den prozessualen Einreden Deutschlands, 07.-10.09.2026 (Verfahrensseite),
https://www.icj-cij.org/case/193

UN Independent International Commission of Inquiry on the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem, and Israel, Bericht A/HRC/60/CRP.3, 16.09.2025,
https://www.un.org/unispal/document/commission-of-inquiry-report-genocide-in-gaza-a-hrc-60-crp-3/

IGH, Application of the Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide in the Gaza Strip (South Africa v. Israel), Order, 26.01.2024,
https://www.icj-cij.org/sites/default/files/case-related/192/192-20240126-ord-01-00-en.pdf

IGH, Application of the Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide (Bosnia and Herzegovina v. Serbia and Montenegro), Judgment, 26.02.2007,
https://www.icj-cij.org/sites/default/files/case-related/91/091-20070226-JUD-01-00-EN.pdf

IStGH, Pressemitteilung „Situation in the State of Palestine: ICC Pre-Trial Chamber I rejects the State of Israel's challenges to jurisdiction and issues warrants of arrest for Benjamin Netanyahu and Yoav Gallant", 21.11.2024,
https://www.icc-cpi.int/news/situation-state-palestine-icc-pre-trial-chamber-i-rejects-state-israels-challenges

Legal Tribune Online (LTO), „Merz will Netanjahu trotz IStGH-Haftbefehl nach Deutschland einladen",
https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/friedrich-merz-einladung-benjamin-netanjahu-trotz-haftbefehls-des-istgh

Europarat, Schreiben des Menschenrechtskommissars Michael O'Flaherty an den Bundesminister des Innern, Juni 2025,
https://rm.coe.int/letter-to-federal-minister-of-the-interior-germany-by-michael-o-flaher/1680b64870

OHCHR, Pressemitteilung „UN experts urge Germany to halt criminalisation and police violence against Palestinian solidarity activism", 16.10.2025,
https://www.ohchr.org/en/press-releases/2025/10/un-experts-urge-germany-halt-criminalisation-and-police-violence-against

DJfdV, Resolution des Gaza Tribunals Berlin vom 25.10.2025, beschlossen 14.11.2025,
https://www.deutsche-juristinnen-voelkerrecht.org/gaza-tribunal-2025/resolution-berlin/

ELSC (European Legal Support Center), Strafantrag an den Generalbundesanwalt gegen 11 Amtsträger:innen, u. a. wegen Beihilfe zum Völkermord, 19.09.2025,
https://elsc.support/de/the-time-for-accountability-is-now-criminal-complaint-against-german-government-officials-for-aiding-and-abetting-israels-genocide-in-gaza/

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Der offene Brief wird laufend durch neue Mitzeichnungen ergänzt. Wir bieten keine individuelle Rechtsberatung an, sondern bündeln die Stimmen engagierter JuristInnen, um öffentlich für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und die konsequente Achtung des Völkerrechts einzutreten.
 

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