„Kann ein Apartheidstaat Demokratie sein?“ – Ein Herrschaftsgebiet, zwei Rechtssysteme: Prof. Moshe Zuckermann über Okkupation, Justizentmachtung und den Missbrauch des Antisemitismusbegriffs (Teil 2)
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Veröffentlicht: 22.02.2026
Lesezeit: 13 Minuten
Themen: Israelkritik, Antisemitismus, Antizionismus, Judenfeindschaft, IHRA-Definition, Jerusalemer Erklärung, Kriegsverbrechen, Genozid, Holocaust, Apartheid, Okkupationsregime, Justizreform, Staatsstreich, Gewaltenteilung, Demokratie, Rechtssystem, Friedensprozess, Erinnerungspolitik
Hinweis: Dieses Interview wurde am 13. November 2025 mündlich geführt.
Herr Prof. Zuckermann, Sie haben vor Jahren die These formuliert, der Zionismus steuere auf eine Sackgasse zu. Wenn wir auf den 13. November 2025 [Tag des Interviews] blicken: Welche Entwicklung sehen Sie heute: Zerfall, Verhärtung oder eine ideologische Transformation unter militärisch-religiösen Vorzeichen?
Ich habe schon vor 25 Jahren strukturell analysiert, warum der Zionismus in eine Sackgasse geraten ist – lange bevor diese rechtsradikale Regierungskoalition zustande kam. Und zwar deshalb, weil es für Israel zwei Möglichkeiten gegeben hat: Entweder die Zweistaatenlösung oder eben die Einstaatenlösung. Die Einstaatenlösung kam ja nie in Frage, weder für die Palästinenser noch für die Israelis. Und die Zweistaatenlösung ist von Israel verbaut worden. Das heißt: Durch das Siedlungswerk von Ariel Sharon seit den 80er Jahren ist der Zustand im Westjordanland heute so verbarrikadiert, dass es – selbst wenn man sich prinzipiell für eine Zweistaatenlösung entscheiden würde – schlicht kein Territorium mehr gibt, das den Palästinensern als Staatsterritorium zur Verfügung gestellt werden könnte. Ich weiß nicht, ob Sie den Zustand im Westjordanland kennen, wie es besiedelt worden ist. Dort gibt es kein zusammenhängendes Territorium, das heute eine staatsfähige Fläche für die Palästinenser bieten könnte. Von daher war die Sackgasse im Grunde genommen von vornherein strukturell angelegt – übrigens als Teil der Politik von Ariel Sharon, aber nicht nur von ihm. Was Netanjahu versucht hat, ist die Palästinenserfrage von der Weltöffentlichkeit, von der Tagesordnung der Weltöffentlichkeit hinwegzufegen. Das ist ihm auch über Jahre gelungen, bis dann das passiert ist, was am 7. Oktober 2023 passiert ist – dieses Massaker an Juden – und der darauf folgende Krieg.
Wenn Sie mich jetzt zum zionistischen Projekt befragen, kann ich das nicht von dem loslösen, was ich gerade gesagt habe. Die Frage, ob das zionistische Projekt jemals demokratisch gewesen ist – oder wie es hier im Land heißt: „jüdisch-demokratisch“ – stellt sich so: Man kann entweder jüdisch oder demokratisch sein, beides geht nicht zusammen. Wenn Sie nämlich ein Land nur jüdisch haben wollen und – unter Einsatz von Bevölkerungstransfer – nur jüdisch halten wollen, dann kann es schlechterdings nicht demokratisch sein. Dann sind alle diejenigen, die im Land sind und nicht jüdisch sind, davon ausgegrenzt. Das ist keine Demokratie. Und wenn Sie Demokratie haben wollen, dann dürfen Sie von dem Land nicht als einem „jüdischen Land“ reden. Das ist ein Oxymoron, das wir schon seit längerer Zeit kennen.
Ich glaube, man kann noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass das, was der Zionismus vor 120 Jahren versprochen hat – nämlich eine Heimat oder eine nationale Heimstätte für die Juden, in der Juden in Sicherheit leben können –, so verlaufen ist, dass dieses Versprechen nicht nur nicht eingehalten wurde, sondern dass das Gegenteil entstanden ist. Es gibt kein Land auf der Welt, in dem der Jude als Einzelmensch, als Individuum, so sehr in seinem Leben bedroht ist wie in Israel.
Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern mit der Tatsache, dass wir hier permanent in Kriegen leben. Und was wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben – einschließlich des Krieges mit dem Iran – war lebensbedrohlich, auch für Tel Aviv, obwohl die Existenz des Landes nie wirklich bedroht war. Aber der Einzelne lebt hier nicht in Sicherheit. Und das gilt auch für das Kollektiv: Wenn es einmal zu einem „richtigen“ Krieg mit dem Iran kommt, dann wird vielleicht nicht sehr viel von Teheran übrig bleiben, aber auch nicht sehr viel von Tel Aviv. Und dafür braucht man übrigens keine Atomwaffen: Heute sind sowohl Israel als auch Teheran mit Langstreckenraketen so gerüstet, dass man dieses Unheil auch ohne Nuklearwaffen anrichten kann.
Für mich – und das sollen Sie als persönliche Antwort verstehen, die aber auf meinen Analysen und auf den Fakten beruht, so wie ich sie sehe – ist das zionistische Projekt gescheitert. Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich nicht weiß, wie es weitergehen soll, selbst wenn man diesen Krieg jetzt in irgendeiner Weise beenden wird. Er ist ja noch nicht beendet; wir haben einen Waffenstillstand, und es gibt noch eine ganze Menge Probleme, die überhaupt nicht gelöst sind. Aber wenn er gelöst werden sollte, dann stellt sich die Friedensfrage, damit das Land in irgendeiner Weise zur Ruhe kommt. Ich wüsste heute nicht – und das sage ich Ihnen ganz ehrlich, auch wenn das für Ihre Ohren als Nicht-Israelis vielleicht merkwürdig klingt – mit welchem Bevölkerungsanteil man heute Frieden anstreben sollte. Es gibt keinen einzigen israelischen Politiker, der heute das Wort „Schalom“, also „Frieden“, in den Mund nimmt – schon gar nicht als Parteiprogramm oder als Ziel, das man dem Staat Israel setzen müsste.
Jeder weiß, dass ein Politiker, der das heute angehen würde – und das würde ja eine Teilung des Landes bedeuten, also eine Reaktualisierung eines Teilungsplans –, seine politische Karriere innerhalb von zwei Wochen verlieren würde. Es ist vollkommen klar: Niemand in Israel meint heute, insbesondere nach diesen zwei Jahren, in denen sich so viel Hass sowohl auf palästinensischer als auch auf israelisch-jüdischer Seite gestaut hat, in irgendeiner Weise Frieden ansteuern zu wollen. Ohne Frieden gibt es für dieses Land keine Zukunft. Schon in diesem Krieg haben wir gesehen, wie viele Israelis ausgewandert sind – entweder weil sie ihre Familie einer solchen Zukunft nicht aussetzen wollen, von der sie wissen, dass sie so aussehen wird, oder weil sie es sich leisten können zu gehen: Leute mit Hightech-Berufen, mit freien Berufen, die in Amerika, Deutschland oder Griechenland unterkommen können.
Ich meine: Wenn Israel keinen Frieden haben wird, hat Israel keine Zukunft. Es wird in irgendeiner Weise weiter bestehen – Länder gehen ja nicht unter. Selbst Deutschland ist nach dem Zweiten Weltkrieg nicht untergegangen, obwohl es so aussah wie der Gazastreifen heute. Länder gehen nicht unter, es gibt da auch geopolitische Erwägungen. Aber wie die Lebensqualität in diesem Land aussehen soll – einem Land, das heute im Alltagsleben und in der Zivilbevölkerung faschistisch durchseucht ist –, das weiß ich nicht. Mit wem das bekämpft werden soll, habe ich absolut keine Ahnung. Ich sehe da ziemlich schwarz.

Wie erklären Sie sich, dass große Teile der israelischen Gesellschaft den Kurs Netanjahus auch nach nie dagewesener, massiver internationaler Kritik mittragen oder zumindest tolerieren?
Dazu muss man erst einmal eine Unterscheidung machen. Die Tatsache, dass die Leute zu Netanjahu stehen bzw. Netanjahu kritisieren, bedeutet nicht, dass sie für einen Friedensprozess sind. Das heißt also: Es gibt die Anti-Bibisten, also die Anti-Netanjahu-Leute, aber das ist eine von der Kernfrage – die wir vorher erörtert haben – zu trennende Frage. Man hasst teilweise Netanjahu, ohne aber das, was Israel heute als Politik betreibt, in irgendeiner Weise konsequent in Frage zu stellen oder dagegen vorzugehen. Ich rede nicht von allen, aber von den meisten Leuten.
Die Unterstützung Netanjahus hat damit zu tun, dass erstens die Koalitionspartner wissen, dass sie es unter keinem anderen Premierminister besser haben werden als unter Netanjahu. Netanjahu ist im Grunde genommen ein sehr gewiefter Politiker, aber sehr weich in seiner Entscheidungsfähigkeit. Wenn jemand ihn erpresst, gibt er früher oder später nach. Die Koalitionspartner, die heute die Mehrheit dieser Koalition bilden, wissen genau, dass sie mit Netanjahu im Grunde genommen den besten Koalitionspartner haben.
Darüber hinaus muss man sagen, dass eine ganze Menge Leute, die Netanjahu-Anhänger sind, eben wirklich Anhänger Netanjahus sind. Die halten ihn für einen Halbgott. Er arbeitet auch sehr viel in Richtung Personenkult. Und man muss ganz ehrlich sagen – und es schmerzt mich besonders, das zu sagen –, wenn ich mich heute in der Opposition umschaue, also bei den Oppositionsparteien: Wer könnte Netanjahu heute eine wirkliche Opposition bieten und versuchen, ihn in einem Wahlkampf zu besiegen? Da sehe ich keinen. Ich sehe keinen von den sogenannten Liberalen, die ohnehin nicht besonders liberal sind, aber auch nicht unter den Leuten, die von der zionistischen Linken kommen – das ist eine verschwindende Minderheit, jemanden, der Netanjahu heute an Erfahrung und Weltläufigkeit das Wasser reichen könnte. Das muss man wirklich erst einmal so sehen.
Warum die Leute nicht die Konsequenz daraus ziehen, dass der Mann, der eine Weltkritik auf sich zieht – auch vom Internationalen Gerichtshof –, und dass Israel in der Isolation steht, hat vor allem damit zu tun, dass hier seit Jahren eine Kampagne läuft, nach der die ganze Welt antisemitisch sei. Wir haben vorhin über den Antisemitismusvorwurf in Deutschland geredet, aber niemand instrumentalisiert den Antisemitismusvorwurf gewiefter, eingehender und perfider als die israelische Politik. In der israelischen Politik ist jede Art von Kritik an Israel sofort “antisemitisch”. Teilweise gilt das auch in der Publizistik, also nicht nur in der Politik. Da stehen wirklich riesige Massen hinter Netanjahu, der sagt: Das hat gar nichts mit meiner Politik zu tun, das hat mit der Tatsache zu tun, dass die Welt von vornherein gegen die Juden ist, die Welt von vornherein gegen Israel und gegen den Zionismus ist. Das hat man den Leuten so lange eingetrichtert, dass ich mich heute frage, ob man sich davon überhaupt noch lösen kann. Denn die Instrumentalisierung des Holocaust zu Zwecken, die gar nichts mit der Holocaust-Erinnerung zu tun haben, hat ja in Israel begonnen, Das hat nicht in Deutschland begonnen, nicht in Europa und auch nicht in Amerika, sondern in Israel – und zwar schon ganz zu Beginn des Staates –, gerade weil man sagen wollte: Israel ist der Träger der Erinnerung des Holocaust. Wir, die Juden, sind die Opfer der Weltgeschichte gewesen; von daher dürfen wir uns immer verteidigen, mit welchen Mitteln auch immer.
Diese Instrumentalisierung des Holocaust ist, wie gesagt, schon jahrzehntealt, das war im Grunde genommen von Beginn des Staates an so. Und heute ist es unter Netanjahu noch viel schlimmer, weil er in seiner propagandistischen Praxis noch viel perfider ist. Keiner kann ihm das Wasser reichen, wenn es um politische Demagogie, Perfidie und Polemik geht. Und ich glaube, eine ganze Menge Leute haben das politisch internalisiert – übrigens auch religiös internalisiert. Weil wir, wie Sie wissen, „das auserwählte Volk“ sind, ist gleichsam die Auffassung legitimiert, dafür gegeben, dass die ganze Welt gegen uns ist, weil wir eben auserwählt sind – sagte Moshe Zuckermann ironisch. Das ist bei religiösen Juden eine zentrale Angelegenheit: die Gottesauserwähltheit und die Vorstellung, dass wir allein in der Welt stehen. Das steht ja schon in der Bibel: Das jüdische Volk steht allein in der Welt gegenüber allen Völkern.
Und das ist in die israelische Realpolitik übernommen worden. Man kann also sagen, dass die Propaganda und das religiöse Moment in dieser Propaganda Netanjahu heute einen Schutzschild geschaffen haben. Er, gerade als vom Internationalen Strafgerichtshof Verfolgter, ist für eine ganze Menge Leute in diesem Land ein Märtyrer.
Der Autor:
Moshe Zuckermann, 1949 in Tel Aviv geboren, ist Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender entschloss er sich nach zehnjährigem Aufenthalt in Deutschland mit 20 Jahren zur Rückkehr nach Israel. Er gilt als profunder Kritiker israelischer Politik und tritt für eine Zwei-Staaten-Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ein. Zuletzt ist von ihm auf deutsch das Buch "Israels Schicksals - Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt" (2014).
Verlag: Promedia
Erscheindungsdatum: 2014 (1. Auflage)
Print ISBN: 978-3-85371-375-4
E-Book ISBN: 978-3-85371-823-0
In Deutschland und in Teilen Europas scheuen Regierungen weiterhin den Begriff „Genozid“ für das Vorgehen Israels in Gaza. Worin sehen Sie die Ursachen dieser politischen Sprachlosigkeit? Hängt das eventuell mit dem Holocaust zusammen?
Also, für Juden allemal – und zwar deshalb, weil es schon eine reine Frage der Quantität ist. Wenn für Juden „Holocaust“ oder „Genozid“ die Dimension von sechs Millionen Menschen hat, dann ist – bei aller Hölle, die in Gaza passiert ist, bei einem Kriegsverbrechen nach dem anderen – die Dimension des Genozids natürlich eine andere. Ich rede jetzt nicht von der formellen Definition dessen, was ein Genozid zu gelten hat. Aber wenn ich Vergleiche nehme wie Ruanda, Kambodscha oder den Armenier-Genozid, den die Türken begangen haben, dann sind das andere Dimensionen – schon quantitativ andere Dimensionen.
Wenn man auch das israelische Kriegsverbrechen nimmt – das größer gar nicht sein könnte –, dann ist es eben ein Kriegsverbrechen, aber kein industriell geplanter Völkermord. Es handelt sich vielmehr um ein fortwährendes Kriegsverbrechen, das natürlich höllisch ist und ganz zu Recht von Den Haag und von der UNO verurteilt worden ist. Aber das ist der Grund, warum für Juden der Begriff des Genozids zumindest prekär sein muss. Ich weiß auch von linksradikalen Freunden von mir – und von mir selbst –, dass, wenn wir versuchen, das in Beziehung zur Shoah zu setzen, es sich um horrende Schrecklichkeiten handelt, aber um keine Vorgänge, die für meine Begriffe vergleichbar sind.
Daher meine ich auch, dass der ganze Nomenklaturstreit von vornherein idiotisch ist. Wissen Sie, ich muss da Adorno zitieren. Es gibt bei Adorno einen wunderbaren Aphorismus, den er in der Minima Moralia „zukunftslos“ im nachhinein angefügt worden ist. Er befasst sich dort mit der Frage: Was konnte man nach 1945 mit dem Holocaust machen, bevor es überhaupt den Begriff „Holocaust“ oder den Begriff „Shoah“ gegeben hat? Wie wollte man das benennen? Man musste es ja irgendwie benennen – es war ja etwas Welthistorisches passiert. Und da, so meint er, ist man auf den Begriff „genocide“, also auf den Begriff des Genozids, des Völkermords, gekommen. Adorno sagt dann: Allein die Tatsache, dass es benannt worden ist, ist schon ein prekäres Moment, denn wenn man etwas benennt, wird es Teil eines Diskurses. Man beginnt gleichsam zu debattieren: „Ja, Holocaust – nicht Holocaust; ja, Genozid – nicht Genozid.“ Plötzlich ist es eine diskursive Verhandlungssache. Und Adorno schließt den Aphorismus – ich zitiere jetzt nicht wortwörtlich, aber im Sinne –, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis eines Tages in der UNO-Vollversammlung auf der Tagesordnung ein Paragraph steht: „Passiert im Moment in Tadschikistan ein Völkermord oder passiert er jetzt nicht?“ Und genau das ist dann ja de facto passiert: Man diskutiert, ob es ein Völkermord ist – oder nicht.
Allein die Tatsache, dass wir – auch wir jetzt gerade – so darüber reden können, setzt in Klammern, was wirklich geschehen ist. Die Verurteilung, die einen Namen, eine Benennung braucht, setzt das real Geschehene in Klammern.
Und ich würde mir wünschen, dass wir über die Katastrophe im Gazastreifen reden – und ich rede von einer kollektiven Katastrophe, die im Gazastreifen passiert ist, durch Israel und durch das israelische Militär –, anstatt ordentlich darum zu streiten, zumindest in der Welt, ob es sich jetzt um einen dem Holocaust vergleichbaren Genozid handelt oder nicht. Genau an dieser Stelle ist dieser Aphorismus von Adorno immens wichtig: In dem Moment, wo man über eine Nomenklatur streitet, verliert man die Realität dessen, was diese Nomenklatur zu bezeichnen versucht, völlig aus den Augen.
Der Autor:
Moshe Zuckermann, 1949 in Tel Aviv geboren, ist Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender entschloss er sich nach zehnjährigem Aufenthalt in Deutschland mit 20 Jahren zur Rückkehr nach Israel. Er gilt als profunder Kritiker israelischer Politik und tritt für eine Zwei-Staaten-Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ein. Zuletzt ist von ihm auf deutsch das Buch "Israels Schicksals - Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt" (2014).
Verlag: Westend
Erscheindungsdatum: 2023 (1. Auflage)
Print ISBN: 9783864894022
E-Book ISBN: 9783987910258
Sie kritisieren seit Jahren ein mediales Tabu, israelische Kriegsverbrechen offen zu benennen. Wie erklären Sie die Persistenz dieses Tabus im Jahr 2025, trotz zahlreicher Untersuchungen, Bild- und Zeugendokumente?
Naja, die Frage ist: in welchen Medien? Es gibt ja Medien in der Welt, die das ganz und gar nicht tabuisieren und durchaus mit den Kriegsverbrechen Israels umgehen. Das große Problem für mich – und ich spreche jetzt erst einmal hier als Bürger dieses Staates: Ich sitze im Moment in Tel Aviv – ist: Warum ist zwei Jahre lang nichts oder fast nichts von dem, was im Gazastreifen von der israelischen Armee verbrochen worden ist, in die Medien geraten? Das lag daran, dass man sich gewissermaßen einer Selbstzensur unterworfen hat. In Kriegszeiten solidarisiert man sich mit dem eigenen Land, und in dem Moment, wo man sich mit dem Land solidarisiert, „darf“ man das Land nicht in Verruf bringen. Das ist im Grunde genommen in allen Kriegen so – und im israelischen Krieg war es genauso. Wenn die Kanonen donnern, schweigen nicht nur die Musen, sondern auch die Medien, weil man sich gewissermaßen selbst einen Maulkorb verpasst.
Warum das in der Welt so ist, ist eine andere Frage, die teilweise damit zu tun hat, welchen Einfluss die israelische Propaganda hat. Übrigens: Diese Propaganda hat in den letzten zwei Jahren sehr viel an Wirkung verloren. Es gibt heute sehr viele Medien in der Welt, die die israelische Propaganda nicht mehr ernst nehmen. Israel ist deshalb heute in der Welt isoliert. Aber das Problem in Bezug auf diesen Krieg, von dem wir gerade reden, ist: Dieser Krieg ist ja nicht im luftleeren Raum entstanden. Man darf nie vergessen: Es gab den 7. Oktober. Und der 7. Oktober war die schlimmste Katastrophe Israels seit Bestehen des Staates – ich rede jetzt nicht vom Holocaust vor der Staatsgründung. Seit Bestehen des Staates war das die größte Katastrophe. Dort sind wirklich Menschen massakriert worden – und ironischerweise gerade Menschen aus den Kibbutzim in der Gegend um den Gazastreifen, die immer friedensbewegt gewesen sind und gute Beziehungen zu vielen Bewohnern des Gazastreifens unterhalten haben. Gerade die mussten dann dieses Desaster erleiden. Für mich war das wirklich ein Moment großer Tragödie, dass ausgerechnet diese friedensbewegten Kibbutz-Bewohner das erleiden mussten.
Auf staatlicher Ebene war es so, dass der Krieg ja nicht „einfach so“ vom Zaun gebrochen wurde, sondern auf diese schlimmste Katastrophe Israels folgte. Nach dem 7. Oktober gab es weltweit einen Moment der Solidarisierung mit Israel – im Sinne von: Da ist etwas passiert, das hätte nicht passieren dürfen, militärisch wie menschlich. Das ist dann aber sehr bald verflogen, diese Solidarität hat sich im Wohlgefallen aufgelöst, in dem Moment, wo Israel begann, nicht nur einen Rache- und Vergeltungskrieg zu führen, sondern einen Vernichtungskrieg vom Zaun zu brechen. Es war wirklich ein Vernichtungskrieg, wie wir ihn noch aus napoleonischen Zeiten kennen.
Das war in der Tat ein Moment, in dem ich erwartet hätte, dass die Weltpresse sehr viel stärker damit umgeht, was in diesem Krieg von Seiten Israels passiert. Es gibt Medien, in denen das geschehen ist: Bei CNN war das so, bei Sky News war das so, bei der BBC war das zum großen Teil so. Wo es nicht so war, war in den deutschen Medien. Und den Grund dafür haben wir vorhin erörtert: Man „darf“ Israel nicht mit dem vergleichen, was wir besprochen haben – nämlich, dass Israel einen Genozid begangen haben könnte. Denn die Logik lautet: Israel, also die Juden, haben selbst einen Genozid erfahren, also kann Israel keinen Genozid begehen. Was natürlich total idiotisch ist. Aber das ist der Grund, warum insbesondere in Deutschland – ähnlich wie in Israel – vieles beschwiegen worden ist. Israel hat darüber hinaus noch „Glück“ gehabt – wenn ich von Glück rede, dann im Sinne der inneren Logik der israelischen Politik –, nämlich, dass Donald Trump an die Regierung gekommen ist. Trump hat sich als völlig israelsolidarisch erwiesen; die Amerikaner überhaupt, auch Biden vorher. Aber Trump besonders, weil er offenbar eine Schwäche für Netanjahu hat.
Daher war vollkommen klar, dass die amerikanischen Medien, die heute stark von Trump und seinen Drohungen beeinflusst sind – also dem, was ihnen widerfahren kann, wenn sie nicht auf seine Linie gehen –, Israel gegenüber sehr zurückhaltend sind. In dieser Hinsicht hat Israel wirklich sehr viel „Glück“ gehabt. In Anführungszeichen, weil ich glaube, dass es ein Unglück für Israel ist, dieses Glück gehabt zu haben. Denn die Medien in Amerika sind bei weitem nicht so weit gegangen wie zum Beispiel die „Kampi“, also die Studentenschaften an den Universitäten. Die waren viel reger, viel radikaler – und teilweise auch viel flacher in der Argumentation –, aber in den Medien war das nicht der Fall.
Ich glaube, die Weltkonstellation hat sich verändert. Trump hat es in der Tat geschafft – und ich bin ein alter Mann, wenn ich zurückblicke auf das, was ich mir in den letzten 30, 40 Jahren gedacht habe, aus welcher Schule ich komme, was mein Glaube an Aufklärung, an rationalen Diskurs gewesen ist –, dass wir heute alle einem Tsunami ausgesetzt sind. Orwell ist da ein Waisenkind gegenüber dem, was im Moment an Neusprech und Umwertung aller Werte stattfindet. Das ist Israel teilweise vermeintlich zugutegekommen. Ich glaube aber, dass das nicht das zentrale Problem ist. Das zentrale Problem ist, dass Israel den Frieden nie wollte.
In seiner gesamten Geschichte hat Israel nie so gehandelt, dass – selbst dort, wo es möglich gewesen wäre – der Frieden mit den Palästinensern wirklich vorangetrieben worden wäre. Das einzige Mal, dass wir jetzt 30 Jahre später noch einmal zeremoniell gefeiert haben, war der Versuch Rabins, mit Arafat im Oslo-Prozess den Frieden voranzubringen. Rabin ist nicht von ungefähr ermordet worden – und zwar von einem Vertreter jener Kräfte, die heute an der Regierung sind. Von daher meine ich: Das zentrale Problem ist gar nicht so sehr die Frage, ob man darüber berichtet oder nicht darüber berichtet, sondern, ob Israel jemals den Frieden haben wollte. Und ich bin heute zu der Schlussfolgerung gekommen, dass Israel selbst dort, wo es den Anschein haben mochte, dass Israel den Frieden haben wollte, in Wahrheit gegen den Frieden und gegen die Voraussetzungen für den Frieden gehandelt hat – allen voran durch die Besiedlung des Westjordanlandes, aber auch in der Realpolitik insgesamt. Netanjahu ist nur ein Höhepunkt einer Struktur, die ich schon seit Jahrzehnten verfolge, noch lange bevor es Netanjahu überhaupt in der Politik gab.
Vielen Dank für dieses Interview, Herr Zuckermann.
Moshe Zuckermann (geb. 1949 in Tel Aviv) ist ein israelisch-deutscher Soziologe und emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Nach einem Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Tel Aviv lehrte Zuckermann dort ab 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas. Von 2000 bis 2005 leitete er das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv und von 2010 bis 2015 war er wissenschaftlicher Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Ideologiekritik, Erinnerungspolitik (insbesondere das gesellschaftliche Gedenken an den Holocaust) sowie Analysen des israelisch-palästinensischen Nahostkonflikts. Zuckermann gilt als Kritiker der israelischen Politik und Gesellschaft und gehörte 2021 zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, einer Initiative für eine neue Definition des Antisemitismusbegriffs. Dieses Interview wurde geführt von Ferhan Osseili und Paul Ziegler (DJfdV).
Hinweis: Die Antworten geben ausschließlich die persönliche Meinung des Interviewgastes wieder. Die Inhalte dienen dem historischen, soziologischen und juristischen Diskurs.
Kontakt: mzucki@tauex.tau.ac.il
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