„Kann ein Apartheidstaat Demokratie sein?“ – Ein Herrschaftsgebiet, zwei Rechtssysteme: Prof. Moshe Zuckermann über Okkupation, Justizentmachtung und den Missbrauch des Antisemitismusbegriffs (Teil 1)
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Veröffentlicht: 10.12.2025
Lesezeit: 10 Minuten
Themen: Israelkritik, Antisemitismus, Antizionismus, Judenfeindschaft, IHRA-Definition, Jerusalemer Erklärung, Kriegsverbrechen, Genozid, Holocaust, Apartheid, Okkupationsregime, Justizreform, Staatsstreich, Gewaltenteilung, Demokratie, Rechtssystem, Friedensprozess, Erinnerungspolitik
Hinweis: Dieses Interview wurde mündlich geführt.
Herr Prof. Zuckermann, in Deutschland sehen sich aktuell Personen, die die völkerrechtswidrigen Handlungen des israelischen Staates kritisieren, schnell dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt. Wie ist Ihrer Meinung nach der Begriff des Antisemitismus zu verstehen? Und wie unterscheidet sich dieser Begriff von anderen Begriffen wie dem Antizionismus, dem Antijudaismus und dem antijüdischen Rassismus?
Zunächst einmal muss gesagt werden, wovon Sie gerade gesprochen haben, dass, wenn man Israelkritik betreibt, wie jetzt in den letzten zwei bis drei Jahren sehr heftig betrieben worden ist, dass da der Antisemitismusvorwurf im Grunde genommen eine Instrumentalisierung des Begriffs ist, die eigentlich mit dem Antisemitismus per se nicht sehr viel zu tun hat.
Um die Unterscheidung klar zu machen, müssen wir erst einmal die Kategorien auseinanderhalten. Und ich möchte erst einmal eine Pathos-Formel, die ich in Deutschland schon seit vielen Jahren versuche, den Leuten klarzumachen – offenbar nicht immer mit großem Erfolg –, aber hier sei sie nochmal vorgelegt:
Zwischen Judentum, Zionismus und Israel muss erst einmal kategorisch unterschieden werden. Aus dem ganz einfachen Grund, weil nicht alle Juden Zionisten sind, nicht alle Zionisten Israelis sind und nicht alle Israelis Juden sind. Ich wiederhole das nochmal, denn das ist sehr wichtig, um zu verstehen, warum nachher auch Antisemitismus und Zionismus und Israel auseinanderzuhalten sind: nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Israelis und – was am wichtigsten ist – nicht alle Israelis sind Juden.
Aus diesem Grund meine ich, dass man sowohl Judentum, Zionismus und Israel auseinanderhalten muss, aber auch dann die negative Wendung, das heißt also Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik auseinanderhalten muss.

Man kann Antisemit sein, ohne großartig Israelkritiker oder Israelfeind zu sein. Im Grunde genommen wissen wir, dass sehr viele Antisemiten Israel gerade gut finden, weil sie dann irgendwie tendenziell die Juden alle aus ihrer Umgebung loswerden. Das war übrigens auch der Gedanke von Deutschland, das Land "judenrein" werden zu lassen. Die Nazis am Anfang waren für den Zionismus, weil sie meinten – noch bevor es irgendwie zum Völkermord überging –, dass dann die Juden sozusagen aus Deutschland entfernt werden.
Man kann auch Zionist sein und Israel kritisieren. In meinem Umfeld gibt es viele gefestigte Zionisten. Ich selbst bin es nicht. Dennoch sind viele von ihnen ganz und gar nicht einverstanden mit der Innenpolitik Israels, also mit Netanjahu und seiner rechtsradikalen Koalition. Und viele von ihnen sind auch nicht einverstanden mit dem, was im Krieg stattfindet. Das heißt also, man kann durchaus auch Zionist sein und Kritik an der Politik Israels, auch an der Kriegspolitik Israels, betreiben.
Von daher würde ich sagen, dass, wenn man in Deutschland dem Antisemitismusvorwurf ausgesetzt ist, man immer darauf schauen muss, wer diejenigen sind, die den Vorwurf machen, und in welchem Kontext diese Vorwürfe gemacht werden. Ich darf Ihnen verraten, dass ich von der deutschen Bundesregierung und deren Vertreter für Antisemitismusangelegenheiten, Felix Klein, als Antisemit apostrophiert worden bin, weil ich Israelkritik betrieben habe. Ich muss dazu noch irgendwie polemisch sagen: Ich bin der Sohn von Auschwitz-Überlebenden – also irgendwie ein deutscher Beauftragter des Bundestages darf mir sagen, dass ich Antisemit sei, aber im Grunde genommen Israel vollkommen absegnen in allem, was Israel macht.
Warum das in Deutschland gerade ein Problem ist, ist ja vollkommen klar: In Deutschland spielt in dieser Debatte oder in diesem Diskurs, der ja erfordert, dass man diese kategorialen Unterscheidungen macht, immer auch mit hinein das, was in Deutschland heißt: „die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und die Verantwortung der Deutschen für die Juden“. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen meinen sie, dass, wenn sie eine Verantwortung für die Juden haben, dass sich das irgendwie auch umschlagen darf in eine Verantwortung für Israel.
Israel und Juden sind zwei Paar Schuhe, und die deutsche Politik hat das nicht begriffen, schon seit 1952 hat sie das nicht begriffen. Verstehen Sie? Der Holocaust hat stattgefunden, bevor der Staat Israel überhaupt existiert hat. Der Holocaust ist an Menschen begangen worden, die nicht notwendig Zionisten waren. Die Zionisten waren schon rechtzeitig nach Palästina gezogen. Das heißt also, wenn man heute meint, dass man den Holocaust wiedergutmacht beziehungsweise die Vergangenheit aufarbeitet, indem man sich Israel-solidarisch gibt, dann macht man schon mal nicht nur einen Denkfehler, sondern kontaminiert für meinen Begriff auch das Gedenken, indem man eine Politik unterstützt, beziehungsweise sich mit ihr solidarisch erklärt, die im Grunde immer wieder neue Opfer schafft.
Daher meine ich, dass Sie sich nicht großartig Gedanken darüber machen müssen, was es heißt, dass man in Deutschland als Antisemit apostrophiert wird. Mit Antisemitismusbekämpfung hat dieser Vorwurf schon seit vielen, vielen Jahren gar nichts mehr zu tun.
Antisemitismus ist eine der verruchtesten Formen moderner Ideologien. Diese Behauptung bedarf heutzutage keines Nachweises mehr, zu katastrophal waren seine Auswirkungen, als dass sie in Abrede gestellt werden könnte. Die Ächtung von Antisemitismus ist ohne jeden Zweifel eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Problematisch und kontraproduktiv wird es dort, wo ein vermeintlich kritischer Diskurs in herrschaftliches Bekenntnis umschlägt, wo Anti-Antisemitismus politisch missbraucht wird, wo sich eine vermeintlich kritisch auftretende Rezeption als ideologisch entpuppt. Wenn beispielsweise Gegner der israelischen Vertreibungs- und Kriegspolitik wie Ilan Pappe oder Kritiker einer von ihnen identifizierten "Holocaust-Industrie" wie Norman Finkelstein unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Antisemitismus Auftritts- und Diskussionsverbote erhalten, ist das eine demokratiepolitisch gefährliche Entwicklung. Mehr noch: Der Vorwurf des Antisemitismus dient israelischen Lobbies als Instrument, ihre Gegner mundtot zu machen, notwendige Debatten im Keim zu ersticken. Moshe Zuckermann wagt eine Analyse dieser Entwicklung. Für ihn steht fest, dass die Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs als Parole im vermeintlichen Kampf gegen Antisemitismus "in eine fürchterliche Epidemie umgeschlagen ist." Längst schon sei sie zum Totschlag-Ideologem eines durch und durch fremdbestimmten Anspruchs auf politisch-moralische Gutmenschlichkeit geronnen. Ob man diese Epidemie heilen kann, wird sich erst erweisen müssen. Dass man sie erklären muss, scheint dringlicher denn je. Die Vorstellung, geduldig warten zu können, bis sich diese Ideologie von selbst aufgelöst hat, ist irrig. Zu viel steht auf dem Spiel. Zu desaströs sind die Auswirkungen dieser Epidemie auf vernunftgesteuerte, emanzipative Bestrebungen der Gegenwart. Zu offensichtlich kommen gerade jene zu Schaden, die die historisch Verfolgten und ihre Nachkommen "beschützen" wollen - freilich nicht zuletzt durch das Selbstverschulden derer, die sich im Wohlgefühl einer Solidarität suhlen, die keine ist und ihrem Wesen nach auch keine sein kann.
Verlag: Promedia
Erscheindungsdatum: 2010 (5. Auflage)
Print ISBN: 978-3-85371-318-1
E-Book ISBN: 978-3-85371-820-9
Sie sind Unterzeichner der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus aus dem Jahr 2021. Diese kritisiert die von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) verfasste Definition des Antisemitismus als zu weitgehend. Auf Grundlage der IHRA-Antisemitismusdefinition wurde vom Bundestag im Jahr 2019 eine Resolution verabschiedet, die der BDS-Bewegung Antisemitismus attestierte. Wie schätzen Sie die institutionelle Übernahme dieser Definition durch staatliche Stellen ein?
Wenn man israelkritisch ist – ganz besonders jetzt nach diesem Krieg, in dem Israel Kriegsverbrechen noch und nöcher begangen hat –, man bedenke nur die Dimension dessen, was im Vernichtungskrieg alles begangen worden ist, da darf man sehr, sehr israelkritisch sein und gegen den israelischen Krieg sein. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat ja schon mehr oder weniger gesagt, es handelt sich um einen Genozid. Über die Frage des Genozids kann man sich natürlich streiten, aber dass sich Israel völkerrechtlich unentwegt vergeht, ist offensichtlich. Das gilt nicht nur für die aktuelle Innenpolitik Israels, sondern auch für das, was im Gazastreifen und im Westjordanland geschieht. Es finden ja regelmäßig, wöchentlich, manchmal sogar täglich Pogrome statt, die selbstverständlich gegen das Völkerrecht verstoßen.
Daher meine ich, dass die Institutionalisierung etwas damit zu tun hatte, was ich bereits angesprochen hatte: Deutschland hat sich schon im Jahre 1952 bei dem Wiedergutmachungsabkommen verpflichtet, Israel nie zu attackieren, Israel nie zu kritisieren und immer auf Israels Seite zu sein. Deshalb kam den Deutschen gerade diese IHRA-Definition sehr zupass. Für uns, die kritischen Israelis, war das natürlich überhaupt nicht annehmbar. Die Jerusalem-Resolution sagt: "Israelkritik ist kein Antisemitismus", von daher hat es in der Antisemitismus-Definition nichts zu suchen. Das besagt nicht, dass Antisemiten nicht israelkritisch sein können und dass sie ihren Antisemitismus austoben, indem sie israelkritisch sind. Aber das besagt sehr wohl, dass erst mal von der reinen Definition her – und das versuchte ich ja schon eingangs darzustellen, rein von der Definition her –, Israelkritik nicht a priori als Antisemitismus, nicht mal als Judenfeindschaft und nicht mal als Antizionismus einzustufen ist. Man kann ja auch israelkritisch sein, ohne beides zu sein.
Übrigens, Sie haben mich vorhin gefragt, was der Unterschied zwischen Judenfeindschaft und Antisemitismus ist. Den Begriff Judenfeindschaft hat man eigentlich vom Mittelalter übernommen, als die Judenfeindschaft noch religiös begründet war, bis in die Neuzeit. In der Neuzeit, besonders in der Moderne, als die Juden die Emanzipation erhielten und in die bürgerliche Gesellschaft einsteigen durften, was ihnen früher nicht gestattet war, wurde der Fokus von der Religion auf die Gesellschaft und die Sozialstruktur gelegt.
In Deutschland ist dann der Begriff Antisemitismus von Wilhelm Marr in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts geschaffen worden, um etwas zu definieren, was bis dahin noch keine Definition hatte. Judenfeindschaft, religiös begründet, ist was ganz anderes als ein rassebegründeter Antisemitismus, also biologistisch begründeter Antisemitismus, der dann in Deutschland vor allem von Eugen Dühring eingeführt worden ist und von den Nazis in einem Genozid verwirklicht worden ist.
Am 09. November 2025 konnte der US-amerikanische Faschismusforscher Jason Stanley eine Rede anlässlich des Gedenkens an die Reichspogromnacht vor der Jüdischen Gemeinde Frankfurt nicht zu Ende führen, da sich im Publikum Widerstand gegen diese äußerte. Stanley hatte die liberalen Ideale jüdischer Intellektueller betont, die einen Staat ablehnen, der auf Ethnizität, Rasse oder Religion basiere, auch wenn es der eigene sei. Kritik an den Gräueltaten Israels im Gazasteifen sei für ihn kein Antisemitismus. Auch sei für ihn anzunehmen, dass Hannah Arendt heute in Deutschland nicht mehr sprechen dürfe. Welche Gefahr geht von einem derartigen Diskursklima für die liberale Demokratie aus?
Sie haben es ja schon in der Frage demonstriert, welche Gefahr davon ausgeht: Dass liberale Stimmen, die heute in irgendeiner Weise noch versuchen, im Namen eines anderen Judentums, im Namen einer Humanität und im Namen des Humanismus überhaupt zu reden – wie Hannah Arendt das heute betreiben würde – diese Stimmen heute kaltgestellt werden, nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland. Und ich bin selbst ein gebranntes Kind. Ich kenne das ja schon seit vielen, vielen Jahren, wie man da ausgegrenzt wird, wie man “kaltgestellt” und boykottiert wird. Dass die jüdischen Gemeinden heute sich erlauben, anderen Juden das Wort oder das Reden zu verbieten, hat für meine Begriffe aber nichts mit Judentum zu tun, sondern hat etwas mit einem Demokratieverständnis zu tun, das autoritär, ist, also eben nicht demokratisch ist.
Allein die Tatsache, dass heute – und ich kann das nur unterschreiben, was Sie gerade gesagt haben – Hannah Arendt, und nicht nur sie, sondern viele andere aus dem deutschen Judentum, heute nicht fähig wären, in Deutschland zu reden, ist ja genau die Antwort darauf, was Sie gerade gefragt haben. Was ist das für ein Deutschland, das dem humanistischen, liberalen Judentum etwas verbietet, nur weil diesen Leuten die Tatsache unangenehm ist, dass das Land, mit dem sie sich solidarisch erklären, sich als ein verbrecherisches Land erwiesen hat? Nicht nur in der Innenpolitik, sondern eben auch in der Kriegspolitik. Und wenn man das nicht mehr kritisieren darf, dann hat Israel auch sein Recht verwirkt, den Holocaust noch zu thematisieren. Man kann den Holocaust nicht als Gedenkmatrix heranführen, wenn man nicht selber darauf schaut, wer sind Täter und wer sind Opfer. Wer sind diejenigen, die zu kritisieren sind und warum sie zu kritisieren sind. Wenn das nicht mehr geht, dann braucht man auch nicht mehr den Holocaust heranzuziehen.

Seit Dezember 2022 regiert in Israel eine rechtsextreme, in Teilen faschistische Regierung. Im Jahr 2023 wurde von dieser eine Justizreform eingeleitet, welche die Kontrollfähigkeit der Judikative beschränken sollte. Nach den Terroranschlägen des 07. Oktober 2023 folgte eine militärische Kampagne Israels, die von verschiedenen Völkerrechtsexpert:innen, darunter der unabhängigen UN-Kommission, als Genozid eingeordnet wird. In Deutschland ist aktuell ebenfalls eine Partei in den Umfragen stärkste Kraft, die vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird. Was kann Deutschland gegenwärtig aus den Erfahrungen Israels der jüngeren Vergangenheit lernen?
Naja, ich brauche nicht einmal von einer Justizreform zu sprechen – das war überhaupt keine Justizreform, sondern ein Staatsstreich. Was Netanjahu mit dieser sogenannten "Justizreform" wollte, war mehr oder weniger, die Gewaltenteilung aufzuheben.
Zum einen wollte er die Judikative schwächen, damit sein persönlicher Gerichtsprozess zurückgestellt wird. Auch die Verlängerung des Krieges – obwohl dieser Krieg nicht so lange hätte dauern müssen, man hätte die Geiseln schon längst haben können – ist aus diesem Privatinteresse erwachsen. Von daher kann ich nur sagen: Diese "Justizreform" war keine Justizreform, sondern der Versuch, einen Staatsstreich zu machen, indem man rein formell die Gewaltenteilung aufzulösen gedachte. Man wollte die Judikative der Exekutive unterstellen und auch die Legislative so schwächen, dass alles im Grunde genommen auf eine Diktatur Netanjahus hinausläuft.
Daher brauche ich gar nicht großartig die letzten zwei Jahre zu betrachten, sondern muss erst einmal die grundsätzliche Frage stellen: War Israel jemals eine Demokratie? Kann man überhaupt Demokratie sein, wenn man über 50 Jahre ein barbarisches Okkupationsregime im Westjordanland und lange Zeit auch im Gazastreifen betreibt? Natürlich kann man da keine Demokratie sein. Und ist Israel dann ein Apartheidstaat, wenn es zwei Justizsysteme hat, eines für das Kernland Israel und das andere für die besetzten Gebiete? Das ist Apartheid. So wird Apartheid definiert: zwei Justizsysteme für eine Bevölkerung, die einer einzigen Oberhoheit untersteht.
Daher würde ich auch sagen: Was man lernen kann, ist, dass, wenn man zulässt, dass rechtsradikale, antidemokratische Kräfte demokratisch legitimiert werden – die sind ja gewählt worden –, man sich rechtzeitig überlegen muss, wie und wo sich eine Demokratie zuerst zu schützen hat. Vorläufig ist in Deutschland, glaube ich, die AfD noch tabuisiert. Sie ist kein legitimer Koalitionspartner.
Aber aus der israelischen Erfahrung: Früher wurden Kahanisten tabuisiert – das sind die Parteien, die sich nach Meir Kahane benennen, dem Oberfaschisten aller Faschisten, der in den 90er Jahren in New York ermordet worden ist –, Itamar Ben Gvir, der israelische Polizeiminister, das ist ein Anhänger von Kahane gewesen. Die Partei von Ben Gvir, so wie übrigens auch die Partei von Smotrich, dem israelischen Finanzminister, sind kahanistische und faschistische Parteien. Sie können gar nicht anders definiert werden. Man muss nur ihr Programm und ihre Rhetorik verfolgen.
Israel, Deutschland, Palästina - dieser Briefwechsel bilanziert die letzten 50 Jahre intensiver Auseinandersetzungen der beiden hochkarätigen Experten Moshe Zuckermann und Moshe Zimmermann. Die zwei wohlbekannten - und immerzu kritischen - Stimmen Israels begegnen den zentralen Fragen dieses Themenkomplexes mit schonungsloser Vehemenz. Ihre Gespräche eint der Versuch, die Themen auf einer gemeinsamen Basis tiefgehend zu ergründen und Nuancen zu erörtern, die im öffentlichen Diskurs oft übergangen werden. Mal zornig, mal verzweifelt, mal zärtlich fächern sie die heiklen Themen auf, legen den Finger in die Wunden, üben lautstarke Kritik an der Politik und tauschen Ideen für einen Verbesserung des Umgangs miteinander und mit der Geschichte auf - denn nur durch eine wirkliche Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart kann eine neue Zukunft ermöglicht werden.
Verlag: Westend
Erscheindungsdatum: 2018 (1. Auflage)
Print ISBN: 978-3-86489-227-1
E-Book ISBN: 9783864897207
Wenn also Deutschland heute die AfD hat so erstarken lassen, dann heißt das auch, dass man es hingenommen hat, dass die AfD tendenziell als die zweitstärkste Partei Deutschlands gilt, die früher oder später legitimiert werden wird. Und ich glaube, das wird dann erfolgen, wenn die großen Parteien nicht mehr fähig sind, eine Koalition zu schaffen.
Die Politik kann dann sehr bald sagen: Aus realpolitischen Gründen, und man muss ja alle zum Zuge kommen lassen, wird dann so eine Partei wie die AfD zugelassen. Für mich ist das übrigens der große Untergang dessen, derer man sich in Deutschland gerühmt hat, nämlich die der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.
Unter den europäischen Staaten, wenn ich Deutschland mit dem Nazismus vergleiche und Frankreich und England beispielsweise mit dem Kolonialismus, ist in Deutschland eine ganze Menge mehr aufgearbeitet worden und man hat sich damit viel mehr auseinandergesetzt als die Franzosen mit ihrem Kolonialismus und die Engländer mit ihrem Kolonialismus. Aber das, was noch vor 10, 15 Jahren wirklich ein Ruhmesblatt der deutschen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gewesen ist – immer natürlich auch mit Rückfällen, die ich alle in meinen Büchern, die mit Deutschland zusammenhängen, beschrieben habe –, in dem Moment, wo das nicht mehr der Fall ist und mittlerweile die AfD so erstarken konnte, dann ist für mich auch etwas schiefgelaufen mit der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.
Ich glaube, Deutschland befindet sich heute in einer Situation, in der es, wie es in der Rechtswissenschaft heißt, eine wehrhafte Demokratie ist, die sich selbst verteidigen muss. Wenn Deutschland sich selbst verteidigen muss, gibt es bestimmte Maßnahmen, die unternommen werden müssen, also Dinge, die man dann nicht mehr zulassen darf. Ich glaube, die Tatsache, dass man heute die AfD zulässt, ist etwas, das in Deutschland noch bekämpft werden kann. In Israel übrigens kaum noch ohne einen Bürgerkrieg zu riskieren. Wenn man heute die Partei von Smotrich und von Ben Gvir verbieten würde – das sind die Parteien der Siedler im Westjordanland –, dann würde es aller Vermutung nach zu einem Bürgerkrieg kommen.
Deutschland ist noch nicht so weit, und Deutschland könnte heute Maßnahmen unternehmen, um das Fortkommen und den Erfolg der AfD zu stoppen.
Vielen Dank für dieses Interview, Herr Zuckermann.
Moshe Zuckermann (geb. 1949 in Tel Aviv) ist ein israelisch-deutscher Soziologe und emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Nach einem Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Tel Aviv lehrte Zuckermann dort ab 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas. Von 2000 bis 2005 leitete er das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv und von 2010 bis 2015 war er wissenschaftlicher Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Ideologiekritik, Erinnerungspolitik (insbesondere das gesellschaftliche Gedenken an den Holocaust) sowie Analysen des israelisch-palästinensischen Nahostkonflikts. Zuckermann gilt als Kritiker der israelischen Politik und Gesellschaft und gehörte 2021 zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, einer Initiative für eine neue Definition des Antisemitismusbegriffs. Dieses Interview wurde geführt von Ferhan Osseili und Paul Ziegler (DJfdV).
Hinweis: Die Inhalte geben ausschließlich die persönliche Meinung des Interviewgastes wieder und dienen dem historischen, soziologischen und juristischen Diskurs.
Kontakt: mzucki@tauex.tau.ac.il
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