Vom Reparationsabkommen zur Staatsräson: Strukturmuster deutscher Israelpolitik: Ein Interview mit Dr. Daniel Marwecki
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Veröffentlicht: 25.02.2026
Lesezeit: 7 Minuten
Themen: Staatsräson, Erinnerungspolitik, Westbindung, Völkerrecht, deutsche Israelpolitik, Antisemitismusdebatte, postwestliche Weltordnung
Herr Marwecki, Sie sind Politikwissenschaftler und befassen sich seit Jahren mit deutscher Außenpolitik, Erinnerungspolitik und dem Verhältnis Deutschlands zu Israel. In Ihrem Buch “Germany and Israel: Whitewashing and Statebuilding“ beschreiben Sie, dass die deutsch-israelischen Beziehungen weniger aus moralischer Reue als auch aus staatspolitischem Eigeninteresse entstanden sind. Was bedeutet das für den heutigen deutschen Umgang mit israelischen Völkerrechtsverstößen?
In der Nachkriegszeit war die Bundesrepublik offensichtlich moralisch arg korrumpiert. Die Denazifizierung, ursprünglich von den USA am energischsten verfolgt, wurde frühzeitig abgebrochen, um den Wiederaufbau der BRD nicht zu gefährden. Man muss es sich so verdeutlichen: Der Staat und seine Gesellschaft waren so durchzogen von ehemaligen NSDAP-Angehörigen, Mitmachern und Profiteuren, dass ein Verzicht auf diese Elemente wohl einen Verzicht auf Wiederaufbau bedeutet hätte. Deswegen muss man die frühe Israelpolitik, das Reparationsabkommen von 1952, die Waffenlieferungen, die Finanzhilfe, zuerst einmal als Investitionen in die eigene “Wiedergutwerdung” verstehen. So wurde es auch von Konrad Adenauer und anderen zentralen Akteuren offen benannt. Ein weiterer Faktor war die Stärkung Israels in einer feindlichen Umwelt und im Kalten Krieg.

Der Adressat für diese Politik damals waren der Westen, vor allem die USA. Heute fällt der Faktor der “Wiedergutwerdung” insofern weg, als dass die deutsche Unterstützung der Zerstörung Gazas der Bundesrepublik moralischen Kredit eher nimmt und nicht gibt. Der Faktor Westbindung aber bleibt bestehen. Die Bundesrepublik ist im Fahrwasser der vorigen Biden-Regierung mitgeschwommen, war Israels zweitwichtigster Unterstützer, militärisch und diplomatisch. Hier hat diese Westbindung, vermittelt durch den Begriff der Staatsräson, das Völkerrecht geschlagen.
Der Autor:
Daniel Marwecki ist Dozent am Fachbereich Politik und öffentliche Verwaltung. Seine Lehre ist thematisch breit angelegt und umfasst zahlreiche Bereiche der Entwicklungsstudien und der internationalen Sicherheit, mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem Nahen Osten, Deutschland und Europa.
Sein Buch Germany and Israel: Whitewashing and Statebuilding erschien erstmals 2020 und ist inzwischen als Taschenbuch sowie in einer erweiterten und aktualisierten deutschen Ausgabe erhältlich. Eine aktualisierte deutsche Fassung erschien 2024.
Sein aktuelles Buch Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert wurde im vergangenen Jahr auf Deutsch veröffentlicht.
Verlag: C Hurst & Co Publishers Ltd
Erscheindungsdatum: 14/08/2025 (1. Auflage)
ISBN: 9781805264484
Die Bundesregierung beruft sich häufig auf die besondere historische Verantwortung Deutschlands. Wann wird Erinnerungspolitik aus Ihrer Sicht zu einem Instrument, um gegenwärtige Gewaltverhältnisse zu legitimieren?
In gewisser Hinsicht ist von Regierungen durchgeführte Erinnerungspolitik immer instrumentell, weil sie staatliche Zwecke verfolgt. Im bundesrepublikanischen Kontext ist die Verschränkung von Souveränität und Erinnerung wichtig. Im Buch zeige ich im Detail auf, wie jede erinnerungspolitische Veränderung, von den Reparationszahlungen bis zur Staatsräson, immer die Ausweitung, nicht die Beschränkung von deutscher Macht und Handlungsspielraum zum Ziel hatte. Was wir im Kontext des Gazakriegs beobachten konnten, ist aber ein in Deutschland besonders stark ausgeprägtes Phänomen, nämlich die Zweiteilung zwischen innenpolitischem Diskurs und außenpolitischer Wirklichkeit. Während man in Deutschland über alles mögliche diskutierte, Parolen auf Demonstrationen, wen man auf der Berlinale beklatschen darf, und so weiter, hat man außenpolitisch die Zerstörung Gazas und seiner Gesellschaft unterstützt. Natürlich ist die Rolle der Biden-Administration hier entscheidender. Nichtsdestotrotz diente die Wirklichkeitsverweigerung in Deutschland der Kaschierung einer von gedankenloser Grausamkeit geprägten Außenpolitik.
Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet Deutschland, mit seiner historischen Erfahrung, heute eine der restriktivsten Debattenkulturen zu Palästina hat?
Warum denn nicht wegen der historischen Erfahrung? Hier meine ich vor allem die Erfahrung der Abwesenheit einer bürgerlichen Revolution und das Erbe des preussischen Machtstaates. Bei dem Thema Staatsräson zeigt sich das Erbe dieses Machtstaates ja bereits im Wort, das sagt: Das Interesse des Staates schlägt das seiner Angehörigen. Demokratisch ist das offenbar nicht. Ich beobachte das aber weit über das Nahostthema hinaus, eine öffentliche Gesprächskultur, die zu stark auf Homogenität und Ausschluss zielt. Aktuell bricht das aber ein Stück weit auf, weil die außenpolitischen Krisen ins Innere hineindrängen und bisherige Antworten – und Antwortgeber – sich nicht als überzeugend erweisen.
Ist der Vorwurf des Antisemitismus aus Ihrer Sicht zu einem politischen Kampfbegriff geworden und wo ziehen Sie die Grenzen zu legitimer Kritik?
Das Auffällige an der heutigen Begriffsverwendung ist ja, das niemand ein Antisemit sein will, gleichzeitig aber verschiedenste Gruppen sich gegenseitig des Antisemitismus bezichtigen. Der Antisemitismus ist gleichzeitig geächtet und ein vielgenutzter Begriff. Im konservativen und im neurechten Spektrum zeigt man gerne auf seine politischen Feinde, also Linke und Migranten. Diese wiederum könnten – und mein Buch zeigt das ja – den Vorwurf zurückgeben und zeigen, wie proisraelisch die Politik von vielen ehemaligen Nazis in der Bundesrepublik eben auch war, die sich ihre Weste reinwaschen wollten. Nur ein Beispiel: Der erste deutsche Botschafter in Israel, Rolf Pauls, hatte an der Ostfront einen Arm verloren aber für seine Dienste am Vaterland das Eiserne Kreuz erworben. Aus den Akten geht hervor, dass er ein lupenreiner Antisemit war. Wenig überraschend, eigentlich. Dennoch feiert man heute in Deutschland die Geschichte der deutschen Israelpolitik als Geschichte einer Wiedergutwerdung. Da ist also eine gewisse Realitätsverweigerung im Spiel, die dem Kampf gegen Antisemitismus auch nicht dienlich ist. Prinzipiell ziehe ich eine rechtebasierte und universalistische Politik allen Formen der Identitätspolitik vor. Das ist – und zwar durch das politische Spektrum hindurch – noch das beste Mittel und Zweck in einem.
Sehen Sie in der Palästinafrage einen Kristallisationspunkt für die post-westliche Weltordnung, die Sie in Ihrem neuen Buch ,,Die Welt nach dem Westen“ beschreiben?
Ja und nein. Einerseits hat gerade die deutsche Gazapolitik Kontinuitäten aus der Kolonialzeit gezeigt. Ich empfehle, sich anzuschauen, wie die Regierung in Namibia sich zu dieser Politik verhalten hat, wozu es im neuen Buch auch ein paar Seiten gibt. Andererseits hat Indien, traditionelle Stimme des sogenannten “Globalen Südens”, unter dem Hindu-Nationalismus von Narendra Modi eine proisraelische und nicht etwa propalästinensische Politik gefahren. Dann wiederum muss man sich den Split innerhalb Europas ansehen: Spanien oder Irland sind von der “westlichen” Linie abgewichen, Deutschland nicht. Es ist also kompliziert, zumindest auf der staatlichen Ebene.
Buchbeschreibung:
Das Buch der Stunde: Daniel Marwecki beschreibt die Welt, wie sie sich gerade vor unseren Augen verändert - und spendet mit seiner klugen und menschenfreundlichen Analyse Trost durch Verstehen
In den Trümmern der Kriege in Gaza und der Ukraine zeichnen sich die Konturen einer neuen Welt ab. Donald Trump ist der westliche Abstiegsmanager, der die USA von einem Imperium zurück in einen Nationalstaat verwandelt – zum Leidwesen eines traurigen Europas, das ahnungslos in die neue, multipolare Welt hineinstolpert. Im Schatten all dessen entfaltet die Dekolonisation – verspätet – ihre Wirkung.
»Marwecki vollbringt das Kunststück, den westlichen Abstieg nicht als Untergangsgeschichte zu erzählen. Frei von Phrasen und Illusionen, stiftet die Lektüre nicht nur reiche Erkenntnis – sie macht auch Mut.« Per Leo
Verlag: Ch. Links Verlag
Erscheindungsdatum: 13.10.2025 (1. Auflage)
ISBN: 978-3-96289-239-5
Und abschließend: ist die deutsche Israelpolitik heute eher Ausdruck historischer Verantwortung, oder eines politischen Unvermögens, Machtverhältnisse neu zu denken?
Die Machtverhältnisse zwischen Israel und Gaza wurden doch zumindest militärisch richtig gedacht: Militärisch ist Israel der Hamas haushoch überlegen, auch die Hisbollah konnte man schwer beschädigen. In Syrien ist nebenher das Assad-Regime gefallen, ein Schlag für Iran. Israel war in seinem Mehrfrontenkrieg gegen Irans sogenannte “Achse des Widerstands” bislang in militärischer Hinsicht erfolgreich. Das iranische Regime wiederum ermordet seine eigene Bevölkerung und hat in der Region keine staatlichen Verbündeten, sondern sein Netzwerk aus nichtstaatlichen Akteuren. International ist es natürlich so, das beispielsweise China sich merklich pro-palästinensischer positioniert hat. Aber das verbleibt auf der diplomatischen Ebene. Die Welt wird weniger westlich, da sich die ökonomischen Kraftzentren nach Asien verlagern. Die USA sind aber nach wie vor die stärkste Militärmacht, was sich gerade im Nahen Osten zeigt. Aktuell stehen wir vor einem möglichen Militärschlag gegen Teheran.
Vielen herzlichen Dank für dieses Interview, Herr Marwecki.
Das Interview wurde von Laila El-Sourani (DJfdV) geführt.
Hinweis: Die Inhalte spiegeln ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wider.
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